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5 Fragen an ...? Einblicke in die Forschungs- und Innovationspolitik

5 Fragen an Dr. Ernst Dieter Rossmann - Mitglied des deutschen Bundestags und Vorsitzender des Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung

Was begeistert Akteure der Forschungs- und Innovationspolitik in ihrer täglichen Arbeit, und welche Veränderungen sehen sie auf diesen wichtigen Politikbereich zukommen? Diese Fragestellungen greifen wir mit unserem neuen Format „5 Fragen an…?“ auf.

Inspiriert von einem Set an Fragen, die Daniel Porot, ein Pionier des „Career Designs“, entworfen hat, laden wir Akteure der Forschungs- und Innovationspolitik ein, Einblicke in ihre Tätigkeit zu teilen, Akzente zu setzen und allen Interessierten spannende Einsichten in diesen hochrelevanten Themenkomplex des politischen Handelns zu ermöglichen.

Wir freuen uns sehr, unsere Interviewreihe mit Herrn Dr. Ernst Dieter Rossmann, MdB und Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung zu starten!

 

5 Fragen an Ernst Dieter Rossmann, MdB

 

Forschungswende: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich mit dem Thema Forschungs- und Innovationspolitik beschäftigen?

 

Rossmann: Bildung, Wissenschaft und Forschung sind Lebensthemen. Vom Kosmos – Vogelführer als Kind über den ersten quasi-naturwissenschaftlich-zoologischen Wettbewerb vom „Tierfreund“, einer Jugendzeitschrift, bis hin zum wissenschaftlichen Studium der Psychologie und der Sportwissenschaften hat es da eine vorpolitische „Forschungs“-Linie gegeben. Politisch gebrochen wurde sie entlang der Frage, ob es mir dann letztlich um eine neues Erkenntniselement aus dem Lernverhalten der Plattwürmer gehen sollte, oder ich nicht doch grundsätzlich eine konkrete an Werten und Verbesserungen für die Menschen hängende Wirkung und gesellschaftliche Veränderung mit dem erreichen will, womit ich mich aus wissenschaftlicher Lust konkret beschäftigen durfte. Das war die Brechung der reinen Wissenschaft in die Innovation und dann letztlich in die Wissenschafts- und Forschungs- und Innovationspolitik. Dazu kommt die Verbindung zur Bildung als Menschenrecht, für das ich immer gestritten habe und weiter streiten werde. Das ist meine politische Mission.

 

Forschungswende: Was begeistert Sie am Thema Forschungs-und Innovationspolitik?

 

Rossmann: Ohne Arroganz: Der Umgang mit großen menschenrelevanten Problemen und Great Challenges, mit schwierigen wissenschaftlichen Fragen und der Arbeit an den Antworten, die Zusammenarbeit mit hochkompetenten und engagierten Menschen allen Alters und - was das Wichtigste ist – die Überzeugung, werteorientiert und verantwortungsbewusst für eine bessere Welt und ein besseres Leben politisch arbeiten zu können. Die Forschungs- und Innovationspolitik kann eine große Hebelwirkung haben im Guten wie im Schlechten und ich möchte in aller Bescheidenheit meinen Teil dazu tun, dass es eine positive Hebelwirkung gibt. Mit Blick auf viele Menschen, auf Menschen und Umwelt in aller Welt und auf Nachhaltigkeit. Das Ethos hinter dieser Fragen kann mich begeistern und ich will auch gerne andere dafür begeistern. Daher kommt wohl auch mein Interesse an Fragen der Wissenschaftskommunikation ganz in der Tradition von Aufklärung und emanzipativer Pädagogik. Volksvertreter sind da auch immer Volkspädagogen.

 

Forschungswende: Und was ist nicht so schön daran, sich damit zu beschäftigen?

 

Rossmann: Mit der Selbsterkenntnis, dass der eigene Verstand nicht so viel Wissenschaft und Forschung versteht, wie er es gerne möchte und vielleicht auch sollte, muss ich immer wieder umgehen lernen. Aber als Volksvertreter und Politiker ist das auch nicht meine Aufgabe, denn die liegt nicht im Forschen und Anwenden, sondern im Unterstützen, Fördern und Schützen von Wissenschaft und Forschung, im Mitdenken, was Relevanz und Anwendbarkeit und das Reflektieren von Chancen und Risiken angeht, und schließlich im Priorisieren und Finanzieren. Da kann es manchmal heiß in der Küche der Forschungspolitik werden. Aber wer es nur angenehm haben will, soll nicht Volksvertreter und Politiker sein wollen. Nicht so schön ist, wenn man in guter Absicht keine Ansprechpartner findet, die Ressourcen nicht ausreichen und die wissenschaftlichen Ergebnisse und ihre Umsätze in positive Innovationen nicht so schnell kommen, wie es wünschenswert wäre. Die Welt wird nicht im Schlafwagen zu retten sein, wenn wir an Welterhitzung, Artensterben, Ressourcenprobleme und Kriegsgefahren denken. Da greife ich gewiss in ein sehr großes Fach, aber das ist nicht immer schön, sich über Versäumnisse in der Vergangenheit Gedanken zu machen und sich klar zu werden, dass das auch für die Zukunft gelten könnte.

 

Forschungswende: Welche Veränderungen oder Herausforderungen sehen Sie auf das Thema Forschungs - und Innovationspolitik zukommen?

 

Rossmann: Hierzu nur drei Aspekte:

1) Es wird wachsende Legitimationsanforderungen geben, weil Wissenschaft und Forschung existentieller werden – in den Chancen und den Gefahren. Ich denken da an die menschliche Manipulation der Genetik, auch beim Menschen, die Totalität und Autonomie von Waffen, die Verselbstständigung von Künstlicher Intelligenz und die Fremdbestimmung des „entkleideten“ Menschen durch Digitalisierung. Das wird zu einer Herausforderung an ethischer Widerständigkeit.

 

2) Forschungs- und Innovationspolitik können zu einem Element von Machtpolitik werden für einen wissenschaftlich-ökonomischen Komplex mit entsprechender wirtschaftlicher Potenz. Die Digitalkonzerne und der Machtkampf von China, den USA und anderen lassen grüßen. Da wird um freie kritische Wissenschaft zu ringen sein.

 

3) Forschungs- und Innovationspolitik muss noch demokratisch begreifbar sein, für die Menschen in aller Welt, die die Chancen und Gefahren von Wissenschaft und Innovation jedenfalls vom Prinzip her verstehen können müssen, die ein souveränes Verhältnis zu Methoden und Ergebnissen von Wissenschaft gewinnen und die Teilhabe und keine Exklusion erfahren müssen. Da sind die Wissenschaft und Forschung in ihrer kommunikativen Leistung gefordert. Den Menschen insgesamt gegenüber und auch in der Beratung und Auseinandersetzung mit demokratischer Politik. Das wird immer wichtiger, weil eben nicht mehr zentral Werte und Interessen das politische Handeln bestimmen werden, sondern auch Wahrheiten und Wahrhaftigkeit. Und das in prognostischer Form, was passieren könnte. Das Leben in Unsicherheit kann dann natürlich alle menschlichen Abwehrmechanismen wecken, was für eine positive dem Menschen und der Schöpfung gerecht werdende Forschungs- und Innovationspolitik nicht hilfreich wäre. Da schließt sich für mich der Kreis zur Bildung, zur wissenschaftlichen Grundbildung und Haltung. Konkret: Auch zur Bürgerforschung, zu Wissenschaftsmedien, zur Wissenschaftserziehung wie zur Bildung im Alter.

 

Forschungswende: Was braucht es, um mit diesen Veränderungen und Herausforderungen umzugehen?

 

Rossmann: Mit Blick auf die einzelnen Menschen: Zuversicht, Offenheit, Neugierde, Leidenschaft, Kritikfähigkeit, Beharrlichkeit, Erfindungsgabe und Moral und Verantwortungsbewusstsein – um ebenso eigentlich banale wie wichtige persönliche Tugenden, Haltungen und Kompetenzen anzusprechen.

Mit Blick auf die Systeme von Wissenschaft und Innovation: Im Wissenschaftsbetrieb muss es für die Nachwuchswissenschaftler die notwendigen Herausforderungen, Chancen und Sicherheiten geben, weil Kreativität und Innovation mit dem Nachwuchs kommt – nicht nur, aber eben sehr stark. Wissenschaft und Forschung müssen kooperieren können, interdisziplinär, transdisziplinär, in Institutionen und Projekten, in die Gesellschaft und Wirtschaft hinein.

Mit Blick auf die Politik: Freie Wissenschaft und Forschung brauchen Ressourcen und das Interesse und den Schutz von Politik und Gesellschaft. Das brauchen auch einzelne Wissenschaftler wie Wissenschaftssysteme gegenüber staatlicher Reglementierung bis hin zur Verfolgung in Diktaturen und gegenüber Vereinnahmung durch Macht- und Profitinteressen. Ein Amnesty International für verfolgte Wissenschaftler in der globalen Science Community wird hoffentlich immer weniger gebraucht werden, aber sicher sein dürfen wir nicht. Die offene Gesellschaft hat auch ihre Feinde. Leider.